Sonntag, 23. Dezember 2007

Bonnie.


Ich habe ein Auto. Zum ersten mal in meinem Leben besitze ich meinen eigenen Göppel. Seit letzter Woche gehört der abgebildete 95er Toyota Paseo ganz allein mir. Zuvor habe ich den Wagen mit Vanessa aus Deutschland geteilt. Zur Zeit läuft alles bestens mit der Karre, diese Woche hat sie sagenhafte vier Stunden Fahrt an einem Tag problemlos gemeistert. Doch der Anfang war alles andere als leicht.

Das ist die Geschichte von Bonnie.

Rückblende: Es ist Anfang September, das Semester in Asheville ist nur wenige Wochen alt. Mit meinem Kollegen Gabriel aus Chile will ich im Wal-Mart einige Sachen einkaufen, wir nehmen den Bus. Die Fahrt dauert etwa 40 Minuten. Nach dem Einkauf warten wir auf den Bus zurück zum Campus. Im Wartehäuschen gibt es keinen Fahrplan. Wir warten zwei Stunden. Dann rufen wir unseren Betreuer von der Uni an, der uns mit dem Auto abholt.

Die Busverbindungen sind lahm und schlecht. Ab 18 Uhr fahren keine Busse, Sonntags fahren überhaupt keine. Und immer jemanden um einen "Ride" anbetteln, wenn man etwas besorgen muss, ist auch nicht lustig. Deshalb machten sich Vanessa und ich auf die Suche nach einem billigen Auto. Einziges Kriterium neben dem Preis: es muss uns von A nach B bringen. Bei "Haynes Auto Sales" wurden wir fündig: Den eingangs erwähnten Toyota Paseo bekamen wir für nur 800 Bucks. Die Testfahrt verlief problemlos. Per Handschlag mit einem der beiden Haynes-Brüder besiegelten wir den Deal. Während wir in seinem schäbigen Büro auf seinen Bruder warteten, der den Deal ebenfalls absegnen musste, wurde uns bewusst, wie rückständig Amerikaner sein können: Der gute Herr war zwar sehr neugierig, aber die Fragen die er uns stellte liessen erahnen, dass Vanessa und ich die ersten Europäer waren, mit denen er je gesprochen hat. Ob in Schweden wirklich alle Frauen blond seien? Ob die Franzosen wirklich so schlechte Menschen seien? Oder: Ob es wahr sei, dass die Deutschen ein Rezept gegen Krebs haben? Klar, ist wahr, aber sie behalten es für sich.

Irgendwann kam dann (erlösenderweise) der zweite Haynes, einiges wortkarger als sein Bruder, dafür mit geschwollener Backe, und gab uns die Schlüssel. Auf dem Heimweg tauften wir unser Baby auf den Namen "Bonnie Horst". "Bonnie" für die amerikanische und für die weibliche Seite, "Horst" für die männliche Komponente und unsere Muttersprache. Der zweite Teil des Namens ging irgendwann verloren. Ebenso die Freude an unserem Kauf.

Denn als ich am folgenden Tag mit Andre aus Brasilien zu Wal-Mart fahren wollte (und wir erhebliche Probleme hatten, diesen zu finden), begann es irgendwann auf dem Highway aus dem Motor zu rauchen. Kurz darauf, an einer Ausfahrt, gab Bonnie ihren Geist auf. Da weder Andre noch ich viel von Autos verstehen, waren wir auf fremde Hilfe angewiesen. Und da sind uns die Amis einiges überlegen: Aus jedem vorbeifahrenden Auto kam irgend ein Ratschlag oder das Angebot, des Fahrers Mobiltelefon zu nutzen. Und schon bald boten uns einige Collegestudenten an, mit uns zu Target (ein Warenhaus) zu fahren, um dort etwas Duct Tape zu kaufen, denn die Motorkühlung sei leck.

Wir klebten die Risse in der Kühlpumpe provisorisch zu und schafften es so gerade zurück auf den Campus (beim einbiegen in den Parkplatz machte Bonnie wieder schlapp). Für die Fahrt zu Haynes am folgenden Tag benötigte ich ein vielfaches der normalen 20 Minuten, da Bonnie unterwegs zwei mal ihren Geist aufgab und ich jeweils etwa eine halbe Stunde warten musste, bis der überhitzte Motor wieder funktionstüchtig war. Haynes schickte mich zu einer Garage in der Nähe und versprach, 75 Dollar an eine neue Kühlpumpe beizusteuern.

Als ich Bonnie einige Tage darauf wieder abholte und es ohne Unterbrüche zurück auf den Campus schaffte, war ich ziemlich glücklich. Doch als ich etwas später tanken gehen wollte, begann plötzlich der Motor zu stottern, und bei jedem Rotlicht machte er schlapp. Die erste Garage, zu der uns der Abschleppdienst brachte, meinte, das sei nichts zu machen. Der nette Abschleppherr, der auf jede Rechnung einen christlichen Spruch kritzelt, empfahl uns aber noch eine zweite Garage. Eine, die auf Toyotas spezialisiert ist. Glücklicherweise hat Vanessa bei der Versicherung die vier Dollar teure Abschlepp-Option dazugenommen, so konnten wir uns die Rechnungen ("Make prayer your first choice, not your last resort", stand auf einer) bei der Versicherung rückerstatten lassen. Die erste Reaktion in der Toyota-Garage war nicht gerade erbaulich: Vielleicht sei der ganze Motor im A****. Einige Tage später kam dann aber per Telefon die Entwarnung: man könne Bonnie reparieren.

Beglückt setzten wir uns etwa eine Woche später in unser Auto, endlich hatten wir Bonnie zurück. Doch wir schafften es nicht mal, den Garagenparkplatz zu verlassen. Bonnie streikte schon wieder. Als uns der Mechaniker erklärte, was diesmal das Problem war (die Zündkerzen), wurde uns langsam bewusst, dass uns die Gebrüder Haynes über den Tisch gezogen hatten. Wahrscheinlich haben sie sogar das Nummernschild für Bonnie nur bekommen, indem sie ein anderes Auto vorgeführt haben. Denn für ein solches Wrack hätten sie kaum eine Zulassung bekommen. (Man beachte beispielsweise das Bild vom Steuerrad inklusive dem nicht vorhandenen Airbag. Das andere Bild zeigt den wohl wertvollsten Teil von Bonnie; den CD-Player).




Zwischen dem Kauf und dem Tag, an dem wir Bonnie auch wirklich nutzen konnten, um zu Wal-Mart oder Downtown zu fahren, vergingen etwa fünf Wochen. Einige Leute hatten noch am Ende des Semesters Angst, mit diesem schon jetzt legendären Auto irgendwo hin zu fahren. Doch Bonnie funktioniert seit Wochen bestens. Die vier Stunden Fahrt in ein Skigebiet und zurück diese Woche meisterte sie problemlos. Sie verliert heute weder Benzin, noch Öl, noch Kühlflüssigkeit. Sie tönt zwar immer noch wie ein Rasenmäher, aber sie bringt mich von A nach B.

4 Kommentare:

mad hat gesagt…

Was für eine wunderschöne Hassliebe in Türkis! :-)

Philipp hat gesagt…

Oje ... strube Geschichte. Aber zum Glück gibts in den USA den X-ibit mit "pimp my ride"! Hättest wohl echte Chancen dort ;-)

Merry X-mas, Cheers Philipp

Domme hat gesagt…

Sinnmacherblog hat die Stube gewechselt und liest sich jetzt hier:
http://sinnmacherblog.supersized.org/

Bitte Blogroll aktualisieren und sich anschliessend masslos betrinken. Bitte auch sonstige Sicherheitsvorkehrungen grossräumigst umgehen und nicht rückwärts blicken...
Basta

Dominik hat gesagt…

übrigens...geili Story...will au sone Bonnie ;o)
wie lang schtäisch eg. no in de Schtäits?